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  Geselligkeit
 
 
 
Geselligkeit
 
Als der Dampfer „Polyphem“, 1200 Tonnen, mit Stückgut von Bremen nach Finnland, einen Fahrgast bekam, sah Kapitän Popken sich veranlasst, dem Ankömmling einen warnenden Hinweis zu geben. „Herr Weihusen“, sagte er, „wenn Sie un Sie kommen auf ’r Brücke, un ich bün zu Koje gegangen, un der Steuermann, was zugleich der Erste is, der hat denn das Ruder, denn seien Sie da `n büschen vorsichtig gegen. Der is’n büschen schwer zu behanneln is der“.
 
Herr Weihusen, ein auf Erholung erpichter Kaufmann aus Bremen, kam, in einem Ölmantel gehüllt, um vier Uhr bei patschendem Regen und Nordnordwest Stärke neun bis zehn mit einiger Mühe auf die Brücke und sagte „Gunmorgen!“ zur Rückseite des Steuermanns Klaus Otersen . Der Steuermann äußerte einen knurrenden Laut und sah unentwegt nach vorne, wo es schwarz war. Herr Weihusen sah nach Backbord, wo es ebenso schwarz war. Um fünf hatte sich die Situation insofern geändert, als Herr Weihusen nun nach Steuerbord sah. Keiner von den beiden hatte oder suchte die Gelegenheit, die Gesichtszüge des anderen kennenzulernen. Als um halb sechs auf anderthalb Sekunden der Mond durchkam und Herr Weihusen etwas Atem holen konnte, sagte er: „Flaut ab“. Als um halb sieben eine Hagelbö die „Polyphem“ getroffen hatte, und der Steuermann mit einiger Mühe wieder auf den Kurs gekommen war, sagte er : „Noch nicht“. Hierauf ging Herr Weihusen zu Koje.
 
„Nö - ?“ fragte Kapitän Popken gespannt und etwas ängstlich, als sein „Erster“ zum Kaffee in die Messe kam. „Käpt’n“ , sagte Klaus Otersen nachdrücklich, „gegen den hab ich nu mal nix. Das is’n netten geselligen Menschen“.
 
Aus : Karl Lerbs , Der lachende Roland
Gustav Kiepenheuer Verlag , Berlin 1941
     

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